Asami Kato
Storia di mosera
Ein persönlicher Text über den hundertjährigen Heuschober von Nonno Angelo, Arbeit, Erinnerung und wundersame Fügungen in Mosera.
Es ist ein Nachmittag Mitte Juni: Nachdem der Regen vorübergezogen ist, dringen die Strahlen der sinkenden Sonne durch die Bretter und überfluten plötzlich das Innere des Heuschobers mit Licht. Einst stets von Heu und Werkzeugen verstellt, scheint das Licht nun in diesem Moment der Schönheit den endlich freigeräumten Raum zu feiern, indem es ein dichtes Gewebe aus Linien auf Wände und Boden zeichnet. Die sanfte Bewegung der Wolken moduliert die Intensität der Schatten, und ich bleibe stehen, um zu bewundern, wie sich der Ton der leuchtenden Streifen im Raum unaufhörlich verändert. Ich genieße diese Vision als Belohnung für die Tage, die ich im Staub damit verbracht habe, den Schober zu reinigen, und lasse alle Müdigkeit in ein Gefühl der Erleichterung übergehen.
Jetzt, da die Reinigungsarbeiten dem Bau allmählich sein ursprüngliches Aussehen zurückgeben, erwacht in mir zum ersten Mal Neugier auf seinen Erbauer. Robert, der Bruder von Walter, dem Besitzer des Stadels, erklärt mir, dass ihn sein Großvater, geboren im nahen Dorf San Martino, eigenhändig mit dem Können eines Zimmermanns errichtet hat. Ich stelle mir diesen Großvater vor, genau an meiner Stelle vor 101 Jahren, wie er mit verschränkten Armen das eben vollendete Werk betrachtet, zwischen steinernen Pfeilern, die an römisches Mauerwerk erinnern, und im Duft des Holzes. Es kommt mir vor, als könnte auch ich an seinen Empfindungen teilhaben.
Während der Vorbereitungen für die Ausstellung ereigneten sich viele seltsame Dinge. Zunächst musste dieses Gebäude, das ein Jahrhundert lang als Heuschober genutzt worden war, gereinigt und in Ordnung gebracht werden: Das war keine leichte Aufgabe, und nach und nach tauchte eine ganze Reihe von Problemen auf. Doch jedes Mal, wenn ich voller Sorge am Eingang des Schobers stand, erschien im Gegenlicht die Silhouette eines Menschen. Ob es Ladiner aus der Gegend waren oder Fremde, die aus Neugier vorbeikamen, immer gab mir jemand den entscheidenden Hinweis, stellte mir eine helfende Person vor oder packte sogar selbst mit an. Der junge Aki, der mit mir arbeitete, meinte, es sei unser Großvater, der uns von oben beschütze, und so sagte ich jedes Mal, wenn wir Hilfe bekamen: "Danke, Nonno!" Zuerst fast im Scherz, dann mit immer größerer Überzeugung, weil sich diese Begebenheiten mit unerklärlicher Pünktlichkeit wiederholten.
Als ich den Namen des Großvaters erfuhr, war meine Überraschung noch größer: "Wie, Nonno Angelo?!" Auch wenn er genau genommen auf den Namen Mariangelo getauft worden war. Ein außergewöhnlicher Zufall, denn als ich mit der Arbeit am Schober begann, stellte ich als Erstes meine Skulptur "Stendardo segnamento" auf das Dach, die einen Engel darstellt, der mit zwei Seilen ein Banner lenkt. Dieser vom Wind bewegte Engel auf dem Giebel des Eingangs ist zum symbolischen Werk der Ausstellung geworden. Obwohl ich ihn nie gekannt und nicht einmal auf einem Foto gesehen habe, ist es vielleicht wirklich Nonno Angelo, der an den beiden Seilen zieht und die Richtung weist, in die diese Ausstellung gehen soll.